Praxis in Baden-Württemberg

eine Hebamme packt ihre Tasche

Während der ersten 15 Monaten ihres Aufenthalts erhalten Asylbewerber_innen  eine Basisversorgung. Zur Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände sind die erforderliche ärztliche und zahnärztliche Behandlung einschließlich der Versorgung mit Arznei- und Verbandmitteln sowie sonstiger zur Genesung, Besserung oder Linderung von Krankheiten oder Krankheitsfolgen erforderlichen Leistungen zu gewähren. Werdenden Müttern und Wöchnerinnen werden ärztliche und pflegerische Hilfe und Betreuung, Hebammenhilfe, Arznei-, Verband- und Heilmittel gewährt. Zudem können sonstige Leistungen gewährt werden, wenn sie im Einzelfall zur Sicherung der Gesundheit unerlässlich sind. Nach Ablauf von 15 Monaten erhalten Asylbewerber Leistungen auf dem Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung mit Gesundheitskarte.

Beantragen der Kostenübernahme von Hebammenleistungen

Nachdem die rot-grüne Landesregierung Baden-Württembergs die Gesundheitskarte für Geflüchtete favorisiert und bereits Eckpunkte für die Einführung festgelegt hatte,  hat „schwarz-grün“ der eGK eine Absage erteilt. Angesichts der rückläufigen Zahlen Geflüchteter lohne es den Verwaltungsaufwand für eine Einführung nicht mehr, ließ das Staatsministerium mitteilen (vgl. SWR-Beitrag vom 25.05.2016).

Stimmen aus der Praxis:

„Die Abrechnung ist unproblematisch. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sozialamt wissen – zumindest in Stuttgart – mittlerweile, dass die Frauen ein Anrecht auf alle Hebammenleistungen – auch Kurse und Stillberatung nach zwölf Wochen – haben.“  (Almut Theisen, Hebamme)

Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Almut Theisen

Ob mit oder ohne Gesundheitskarte: Die Abrechnung von Hebammenhilfe in Baden-Württemberg gestaltet sich recht unproblematisch. Das rührt zu einen daher, dass die Sozialbetreuung vor Ort, die zur jeweiligen Verwaltung gehören, sich bereits um die Kontaktaufnahme zu einer Hebamme bemühen. So ist lediglich das Stellen einer Rechnung nach Abschluss ihrer Tätigkeit vonnöten, die die üblichen Nachweise über die Behandlung enthält.

Stimmen aus der Praxis:

„Im AWO-Flüchtlingsheim (in Stuttgart-Rohr – Anm. der Redaktion) gibt es Sozialarbeiter als kompetente Ansprechpartner. Sie haben feste Bürozeiten und sind dann für alle erreichbar, zumal sie auch verschiedene Sprachen sprechen. Wir haben einen guten Kontakt zueinander.“ (Almut Theisen, Hebamme)

Auch ansonsten reicht in aller Regel das Einreichen der Rechnung nach dem Ende der Betreuung aus. Ein förmlicher Antrag oder Bewilligungsbescheid zur Aufnahme der Hebammenarbeit ist nicht erforderlich. Wenn die Hebamme sicherstellen will, dass die geflüchtete Frau beim Kostenträger gemeldet und leistungsberechtigt ist, empfiehlt sich eine kurze Kontaktaufnahme mit der Behörde. Auf der Website des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg finden Sie online eine Übersicht der Behörden und sonstigen in der Flüchtlingsarbeit aktiven Institutionen Baden-Württembergs.

Schwangere in Notunterkünften – Kostenübernahme erwirken

Ein Beispiel, wie die Kostenübernahme für Hebammenleistungen aussehen kann, wenn sich die Frauen in der Notaufnahme befinden, also noch nicht registriert wurden, liefert Stuttgart. Hier hat die Hebamme Almut Theisen mit der Stadt vereinbaren können,  dass alle Hebammen , die eine Familie betreuen, die noch nicht beim Sozialamt gemeldet sind, ihre Rechnung (Kassenleistung) an das Regierungspräsidium schicken können und von dort bezahlt werden. Eine vorherige Absprache ist nicht notwendig.

Stimmen aus der Praxis:

„Ein politischer Wunsch von mir ist ganz dringend: Überall, wo es Notunterkünfte gibt, benötigen Schwangere, Wöchnerinnen, chronisch Kranke oder Flüchtlinge mit Behinderung ein spezielle Unterkunft. Die hygienischen Bedingungen sind für diese Menschen in den Notunterkünften nicht tragbar. Zuletzt musste das frühgeborene Kind einer Frau, die ich betreute, in eine Klinik eingewiesen werden. Meinem Antrag, Mutter und Kind im Anna-Leimbach-Haus – und somit einem „Schutzraum“ für Geflüchtete – unterzubringen, wurde leider nicht entsprochen.(Almut Theisen, Hebamme)

Diese Regelung gilt für die Notunterkünfte des Regierungsbezirks Stuttgart (derzeit Messehalle Flughafen, Sporthalle Keltenschanze Vaihingen, Reitstadion in der Talstr. 209, Sporthalle in der Flandernstr in Esslingen) im Rahmen des § 4 Asylbewerberleistungsgesetzes. Achtung: Auch hier gilt, dass es in anderen Kreisen und Kreisfreien Städte unterschiedliche Regelungen gibt. Doch es ist überall einen Versuch wert, mit der jeweiligen Behörde Kontakt aufzunehmen, um eine solche oder ähnliche Regelung zu erwirken!

Erstaufnahmestellen und ihre Regelungen

In Karlsruhe (Landeserstaufnahmestelle) schließen Hebammen Honorarverträge mit dem Regierungspräsidium ab, aufgrund derer sie dann tätig werden. Zwischen Hebamme und Regierungspräsidium bestehen enge Absprachemöglichkeiten: Wenn die Zahl der vorgesehenen Hebammensprechstunden nicht ausreicht, um mit allen Frauen zu sprechen, kann das der Behörde rückgemeldet werden, so dass eine Aufstockung der Sprechzeiten erfolgen kann.

Haben Sie andere Erfahrungen gemacht? Hatten oder haben Sie Schwierigkeiten bei der Abrechnung? Dann melden Sie sich bitte bei uns! Wir sind für Ihre Hinweise dankbar und werden Ihre Informationen einarbeiten!

Dolmetscher oder nicht? Wie funktioniert die Verständigung?

In den meisten Fällen nutzen Hebammen während der Betreuung ihre eigenen fremdsprachlichen Kenntnisse, um sich zumindest ansatzweise zu verständigen. Oft gibt es jemanden im Umfeld, den die schwangere Frau oder junge Mutter als Dolmetscher/-in akzeptieren kann. Mobile Apps, Broschüren in vielen verschiedenen Sprachen, aus dem Internet gezogene Sprachführer usw. sind kreative Mittel der Wahl, um sich zu verständigen. Auf den Seiten „Fragen und Antworten“ haben wir Ihnen Links und entsprechende Materialien zusammengestellt. Dort finden Sie auch die neuesten Broschüren des Deutschen Hebammenverbandes (DHV) „Guter Start ins Leben – wie Hebammen helfen“ in arabischer, vietnamesischer, französischer, englischer und deutscher Sprache.

Ist dennoch ein Dolmetscher erforderlich, ist die zuständige Behörde zbw. Sozialbetreuung vor Ort die richtige Anlaufstelle. Wenn ein Dolmetscher ihre Betreuung begleitet, ist es wichtig, mit der geflüchteten Schwangeren oder Mutter in Augenkontakt zu bleiben, um Nähe aufrechtzuerhalten und schnell erkennen zu können, ob und wann die Betroffene sich mit der Gesprächskonstellation unwohl fühlt.

Stimmen aus der Praxis:

„Einen Dolmetscher heranzuziehen, versuche ich nur in ganz besonderen Fällen. In manchen Situationen könnte ein Dolmetscher auch das Vertrauensverhältnis zwischen Hebamme und Schwangerer belasten. Etwas anderes ist es natürlich, wenn es um amtliche Dinge geht, wie Anerkennung der Vaterschaft oder Beantragen einer Geburtsurkunde. In dem Fall sorgen Sozialamt oder Jugendamt für einen Dolmetscher, der begleitet und übersetzt.“ (Almut Theisen, Hebamme)

Wenn Sie sich gut vorstellen können, mit geflüchteten Schwangeren, jungen Müttern und ihren Familien in Baden-Württemberg zu arbeiten, möchten wir Sie mit diesem Zitat Ihrer Kollegin weiter dazu ermutigen:

Stimmen aus der Praxis:

„Meinen Kolleginnen, die noch überlegen, ob sie mit geflüchteten schwangeren Frauen und ihren Familien arbeiten möchten, würde ich gerne mitgeben, dass eine Betreuung im Flüchtlingsheim nicht unbedingt einen größeren Zeitaufwand bedeutet als eine andere Betreuung. Sie muss auch nicht ehrenamtlich sein, sie wird bezahlt. Auch sind Sprachbarrieren mit verschiedenen Hilfsmitteln gut zu überwinden. Wichtig ist, sich gut mit den Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen vor Ort zu vernetzen. Der Kontakt mit Menschen aus so vielen Ländern und Kulturen ist in jedem Fall bereichernd.“ (Almut Theisen, Hebamme)

Lesen Sie hier das komplette Interview mit der Stuttgarter Hebamme Almut Theisen

Malteser-Projekt für den Raum Stuttgart

Mit ihrem Projekt „Schwanger in der Fremde“ unterstützen die Malteser in Stuttgart Frauen in den Flüchtlingsunterkünften. Das Projekt für geflüchtete schwangere Frauen und ihre Familien entstand im November 2014 in Kooperation mit der Caritas Stuttgart in der Unterkunft Neckarpark (Bad Cannstatt).

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